Der Unbeschützbare

Aug
2004
02
Tonio Arango im Kölner Stadtanzeiger

Kölner Stadtanzeiger

von SUSANNE STAERK

Tonio Arango: “Ich habe mich jahrelang ausgeblutet.”

Der Gast aus Berlin sorgte in der vergangenen Saison für seltene Lichtblicke am Kölner Schauspiel.

Er hätte trotzdem gespielt. Trotz des geschwollenen, schmerzenden Knies. Es sei das erste Mal gewesen, dass er nicht habe spielen dürfen, sagt Tonio Arango. Das sei “ganz schlimm” für ihn gewesen. Schließlich war er aus Berlin nach Köln gekommen, um zum Abschluss der Theatersaison noch zweimal den Er in Ulrich Hubs Stück “Imago” zu spielen. Doch dem Assistenten von Regisseur Torsten Fischer war das Knie nicht geheuer und das Risiko zu groß. Die erste der beiden Vorstellungen wurde abgesagt, stattdessen “knieschonend” geprobt.

Wer Arango dann doch am letzten Saisontag in der Kölner Schlosserei erleben durfte, der ahnte, dass diese Schonung nicht seine Entscheidung war. Denn da sah man einen spielen, der alles gab. Der nicht bloß vorgab, eine Figur zu sein, sondern sich ihr hingab. Der sie verkörperte, im Sinne des Wortes: ihr seinen Körper, seine Seele, sein Herzblut verlieh. Die Sehnsucht, die Angst, den Wahnsinn. Bezaubernd, berührend, beklemmend. Der in manchen Momenten so verletzlich erschien, dass man den Impuls verspürte, ihn zu beschützen. So radikal, so anrührend exzessiv hatte man das am Kölner Schauspiel lange nicht gesehen.

Ohne Filter
“Du kannst dich nicht schützen”, meint Tonio Arango und schaut mit diesem intensiven Blick, den man zuvor im Theater sah. Dazu diese weiche, sanfte Stimme. Und das rosafarbene Hemd lässig aufgeknöpft. Ein Spieler, auch jenseits der Bühne. Wenn man sich in diese andere Welt hineinbegebe, sagt er, werde man sehr empfänglich – für alles, was passiert. “Du kannst keinen Filter benutzen. Wenn du filterst, geht auch ganz viel Schönes verloren.” Ja, das sei auch gefährlich, gesteht er. “Der Grad, in dem man sich aussetzt…” Und ja, er habe schon das Gefühl gehabt, eine Grenze überschritten zu haben, gefährdet gewesen zu sein. Dann, gesteht der Sohn eines Kolumbianers und einer Deutschen – und jetzt liegt in seinem Blick wieder diese Verwundbarkeit -, dann brauche man gute Freunde.

“Ich habe mich jahrelang ausgeblutet”, erzählt Arango. Anfang der 90er Jahre, als er zum Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses gehörte. Als “hysterisch” habe die Kritik sein Spiel bezeichnet, und er habe gehadert: “Warum sehen sie nicht, wie gut ich bin?” Heute, zehn Jahre später, sieht der Vierzigjährige – er wird wissen, dass er jünger wirkt – es unverkrampfter: “Ich spiele so, das ist meine Art. Aber es ist schön, wenn man es auch ein bisschen leicht hält. Wenn man es führt. Und nicht nur: Ha! Hier bin ich. Wenn es immer auch ein Spiel bleibt.” Dass das eine Gratwanderung ist, offenbart sein Spielen. Selten hat man als Zuschauer im Theater den Eindruck, so tief in die Seele eines Schauspielers zu blicken. Und dabei doch nicht zu wissen, wo nun die Grenze zwischen Spiel und Leben liegt. Und umgekehrt.

“Das Geheimnis ist: Wenn du es als Schauspieler nicht erlebst, dann erleben die Zuschauer es auch nicht.” Neulich habe er Bilder von Prozessionen in Spanien gesehen. “Das ist Theater für mich.” Diese Ernsthaftigkeit, diese Unbeirrbarkeit, dieses “Spiel aus dem Herz” – das habe er bei Niklaus Helbling wieder gelernt. Jenem Schweizer Regisseur, der Arango zum Auftakt der vergangenen Saison für Goethes “Tasso” – “eine Riesenrolle, ich hab’ so Angst gehabt” – erstmals als Gast ans Kölner Schauspiel holte.

Dabei hatte er sich geschworen: “Nie wieder Theater!” Nicht nur die Schauspielschule – er besuchte das Max-Reinhard-Seminar in Wien – fand er “entsetzlich”. Sondern auch “das, was im Theater stattfand, diese Kantinenschauspieler”. Und “diese Sparmentalität im Kopf”. Das wollte er nicht mehr. Nie wieder. Deshalb versuchte er, Filme zu machen. “Das war ganz schwer – dann aber ganz toll.” Arango spricht stets in Extremen. Er “liebt” es, diesen einen, unwiederholbaren Moment zu schaffen, der unlöschbar auf Zelluloid gebannt ist. Wer ihn in Oskar Roehlers Kinofilm “Die Unberührbare” sah, wo er an der Seite von Hannelore Elsner spielte, kann sich an solche Momente wohl erinnern. Aber es gab auch Ärger bei Dreharbeiten wegen seiner unvorhersehbaren Art zu spielen. Kollegen, die abbrachen – “Der ist ja wahnsinnig!” -, weil er etwas Ungeplantes probierte. Corinna Harfouch dagegen, die liebe das auch. Die beiden kennen sich von der Sat-1-Krimi-Reihe “Blond: Eva Blond!” Und vielleicht wird es bald – ein sehr reizvoller Gedanke – einen Film mit der Harfouch und Arango geben.

Wilde Energie
“Wie ein Wahnsinniger” geht er ins Kino, kaum je ins Theater. Er liebt “diese Wahnsinnigen”: Marlon Brando, den jungen Al Pacino, Nick Nolte – “diese wilde Energie”. Warum, fragt er sich dann, vergeudet er die Proben damit, Hausaufgaben abzuliefern? Warum fange man wieder an mit Tricks und Pointen? “Mach doch einfach”, sagt er sich. “Dann erleben es die andern mit dir.” Denn wenn man dran glaube, werde es “magisch und schön”. In solchem Spiel fühle er selbst sich auch “freier”: “Was ich im Leben nicht kann, wird da freigesetzt.”

Es war, meint Arango, als habe er im Theater immer auf einen Regisseur gewartet, der nicht zu ihm sagt: “Das geht nicht.” Bis Niklaus Helbling kam. Das heißt, zuerst kam die Autorin Sibylle Berg, die ihn in Zürich im Theater sah – wo es für ihn einmal mehr “entsetzlich” war, weil alle anderen “anders” spielten, weil sie “einen Code” hatten, den er nicht verstand. Sibylle Berg schrieb fürs Schauspiel Bochum das Stück “Helges Leben”, und sie sagte zu Arango: “Du spielst die Angst.” Er erwiderte “Nein” – und traf sich mit Helbling, dem Regisseur, im Café. “Ich hab’ sofort gewusst: Egal wann, egal wo, ich mach das mit ihm.” Und auf einmal hat das Theater ihm “so einen mörderischen Spaß gemacht”, dass er inzwischen viermal bei Helbling spielte. Zuletzt beim Kölner “Tasso”, der – wie erst recht “Imago” – allein seinetwegen sehenswert war.

Den Schluss des “Tasso”, die “Prügelei” mit Antonio, haben sie nie geprobt, sagt Arango. Er wollte das nicht choreografieren lassen. “Es war immer anders. Wenn du eine rein kriegst, fängst du erst an zu leben. Wenn ein Scheinwerfer explodiert, wird es spannend. Blackout – dann beginnt Theater. Dann hörst du endlich auf, Hausaufgaben zu zeigen. Dann wird es schön.”

(KStA)