Porträt in der NZZ
2008
Neue Zürcher Zeitung
11.01.2008
Katja Baigger
«Wir brauchen Utopien»
Er spielte in Oskar Roehlers Film «Die Unberührbare» und verkörperte im Epos «Die Flucht» einen nationalsozialistischen Militärjuristen. Nun ist Tonio Arango als Mellefont in Lessings «Miss Sara Sampson» im Schauspielhaus am Pfauen zu sehen. Vor der Premiere hat er über Empfindsamkeit und Gefühlskälte gesprochen.
Seine Haare sind nass, als er zum Gespräch in der Kantine des Zürcher Schauspielhauses erscheint. Der deutsche Schauspieler Tonio Arango kommt gerade von den Proben des fünften Aktes von Gotthold Ephraim Lessings «Miss Sara Sampson». Kein Wunder, tropft es von seinem Kopf, denn in der Inszenierung des Schweizer Regisseurs Niklaus Helbling fliesst viel Wasser: Die Gefühle der Protagonisten quellen am Ende über und mit ihnen die sechs Waschbecken, die Teil des spartanischen Bühnenbilds sind.
«Ein altmodisches Stück über die Liebe», findet Arango. Die unschuldige Miss Sara Sampson liebt Mellefont, einen Mann mit Don-Juan-Vergangenheit. Mellefont versteckt sich mit Sara in der Heimat England in einem Gasthof, bevor die beiden nach Frankreich flüchten, um sich dort zu vermählen. Ihnen folgt Mellefonts ehemalige Geliebte Marwood. Marwood, die mit Mellefont eine Tochter hat, will ihn zurückgewinnen. Am Ende vergiftet sie aus Eifersucht Sara. «Wenn ich sehe, wie Sara den Trank hinunterschluckt, gerate ich an meine Grenzen», sagt Arango. Da sei das menschliche Versagen des Antihelden Mellefont, der dabeistehe, wenn seine Geliebte das Gift trinke. Zudem habe er Angst, dieser Szene beim Spielen nicht gerecht zu werden. Viele Eigenschaften Mellefonts habe er bei sich selbst gefunden. Um Distanz zum Antihelden zu wahren, müsse er sich sagen: «Ich bin nicht so wie der.»
Arango glaubt, dass den Menschen heute die literarische Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts Schwierigkeiten bereitet. Zu Beginn der Proben sei er Lessings Sprache mit Ironie begegnet. Während des Einübens sei ihm bewusst geworden, wie fremd einem diese Protagonisten sind, die so bedingungslos lieben. «Wir haben verlernt, unseren Gefühlen zu trauen. Wir leben in einer vom Verstand gesteuerten Computerwelt», diagnostiziert er. Die Sehnsucht nach intensiven Gefühlen sei aber noch da. «Darum wird dieses utopische Stück gespielt.» Den Nichtort hat Bühnenbildner Dirk Thiele mit sechs Stellwänden möbliert. «Es ist die schwierigste Bühne meines Lebens», sagt Arango. Der 45-Jährige hat auf vielen Bühnen gespielt, in Köln, Wien, Bochum und immer wieder in Zürich. Zuletzt war er im Schiffbau im ebenfalls von Niklaus Helbling inszenierten Musical «Wünsch dir was» zu sehen, zusammen mit Schauspielerin Nele Rosetz. Arango erzählt von der harmonischen Zusammenarbeit mit Rosetz. Diese Meinung teilt Regisseur Helbling. Er hat für die beiden ein Stück gesucht und mit dem bürgerlichen Trauerspiel Lessings eines gefunden.
Arango öffnet den obersten Knopf seines Hemds – er scheint sich seines Charmes bewusst zu sein – und erzählt von der Zeit als junger Schauspieler. Der Absolvent des Max-Reinhardt-Seminars in Wien war zunächst enttäuscht über den Theaterbetrieb, hatte er doch statt der erhofften «Verrücktheit» von Theatertruppen nur Berufsschauspieler in miefigen Kantinen angetroffen. Er wandte sich darum dem Film zu – und war erfolgreich. Wer ihn in Oskar Roehlers Drama «Die Unberührbare» (1999) als edelmütige Männerfigur an der Seite von Hannelore Elsner hat spielen sehen, dem ist sein markantes Gesicht in Erinnerung geblieben. Ebenso beeindruckend verkörperte Arango in der deutschen Fernsehproduktion «Die Flucht» (2007) den nationalsozialistischen Militärjuristen Heinrich Graf von Gernstorff. Arangos Erscheinung passt zum von den Nationalsozialisten propagierten arischen Menschenbild: Grossgewachsen ist er, und in das Gesicht mit den blauen Augen fällt dunkelblondes Haar. Doch Arangos Aussehen ist irreführend. Der 45-Jährige ist zur Hälfte Kolumbianer. Sein Vater kam in den 1950er Jahren als Gastarbeiter nach Berlin-Wilmersdorf. Dort ist er aufgewachsen, mit seinem Bruder: «Der ist ein richtiger Latino», sagt Arango, der heute in Berlin-Schöneberg lebt.
Eine Journalistin habe Arango an einer Pressekonferenz zu «Die Flucht» gefragt, was er beim Spiel der Rolle des Grafen von Gernstorff gelernt habe: «Haltung», habe Arango erwidert. «Meine Aussage war problematisch, denn ich habe ja einen Nazi gespielt.» Die Übertragung von der Rolle im Film auf den realen Menschen geschehe schnell: «Auf dem Set von war ich unbeliebt.» Es bleibt zu fragen, was er denn beim Spiel des Mellefont gelernt habe? Er wisse jetzt, was es heisse, richtig zu lieben. «Auch wenn Empfindsamkeit nur noch im Theater existiert. Aber wir brauchen Utopien.»
Zürich, Schauspielhaus am Pfauen, Premiere 12. Januar.
